Einführung in die Anatomie

Die Anatomie oder Morphologie (J. W. VON GOETHE) ist die Wissenschaft und Lehre von der Form und dem Bau der lebenden Körper. Die Anatomie als Wissenschaft kann sich nicht auf einen Gegenstand, etwa den Menschen, beschränken, sondern muß auch die übrigen Lebewesen in den Kreis ihrer Untersuchung ziehen, um daraus morphologische Gesetzmäßigkeiten abzuleiten: vergleichende Anatomie.

Die Anatomie als Lehre wird auf den Hochschulen in erster Linie als Anatomie des Menschen betrieben. Sie dient der Ausbildung zukünftiger Ärzte, für die eine genaue Kenntnis des menschlichen Körpers eine unerläßliche Voraussetzung für ihre ärztliche Tätigkeit ist. Das Ziel des anatomischen Studiums ist der lebende Mensch, denn mit lebenden Menschen hat es der Arzt zu tun

Diesem Zweck dienen folgende Verfahren:
1.    Das Anschauen (Inspektion),
2.    Das Abtasten (Palpation),
3.    Die Durchleuchtung,
4.    Das Anatomieren, Sezieren oder Präparieren.

Die Inspektion oder das aufmerksame Betrachten des menschlichen Körpers verschafft uns nicht nur ein Urteil über seine äußeren Größen- und Formverhältnisse, sondern auch über die Beschaffenheit der Haut, über Flächen, Vorwölbungen und Vertiefungen an der Oberfläche, Dinge, die sich als Folge krankhafter Veränderungen unter Umständen in ihr Gegenteil umkehren können. Deshalb spielt auch für den Arzt dieses einfachste aller Untersuchungsverfahren eine große Rolle. Das erste, was ein guter Arzt tut: er sieht sich seinen Patienten genau an.

Aber nicht nur die Oberflächenanatomie können wir auf diese Weise kennenlernen, sondern auch, zum Teil mit Hilfe besonderer Instrumente, Teile unseres Körpers, die tief im Innern liegen. Wir können beim lebenden Menschen den Augenhintergrund, den äußeren Gehörgang und das Trommelfell sowie die Mund- und Nasenhöhle betrachten, wir können mit Hilfe eines Spiegels in den Kehlkopf hineinsehen, ja mit Hilfe eines besonderen Instrumentes (Bronchoskop) sogar in die Verzweigungen (Bronchien) der Luftröhre. Auch Magen und Harnblase sind durch die Einführung von Instrumenten (Gastroskop und Cystoskop) der Betrachtung beim Lebenden zugänglich.    .

Benutzen wir statt des Gesichtssinnes den Tastsinn, so kommen wir zur Methode der Palpation. Mit ihrer Hilfe können wir durch die Haut hindurch nicht nur Knochen, Muskeln und Sehnen, sondern auch einige innere Organe abtasten und uns auf diese Weise über Lage, Form und Größe dieser Organe unterrichten. Auch dieses Verfahren ist für den Arzt bei der Untersuchung des kranken Organismus von großer Bedeutung.    

Ein weiteres ausgezeichnetes Verfahren zum Studium des lebenden menschlichen Körpers, das wir erst seit etlichen Jahrzehnten besitzen, ist die Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen. Die moderne Böntgentechnik ist heute so weit, daß sie fast alle Organe darstellen kann. Nicht nur die staxk schattengebenden Knochen, sondern auch die inneren Hohlorgane wie Magen, Darm, Gallenwege, Harnwege, ja sogar Blutgefäße können wir mit Hilfe gewisser Kunstgriffe auf dem Röntgenbild sehen. Über die außerordentliche Bedeutung dieser Methode als diagnostisches Hilfsmittel für den Arzt braucht wohl nichts weiter gesagt werden. Voraussetzung für die richtige Deutung der durch dieses Verfahren gelieferten Bilder ist natürlich die Kenntnis des normal-anatomischen Röntgenbildes. Leider ist der junge Mediziner in seinen vorklinischen Semestern nicht verpflichtet, sich mit der normalen Röntgenanatomie zu befassen, so daß er dann in der Klinik in die mißliche Lage gerät, vor einem Röntgenbild von krankhaft veränderten Organen zu stehen, ohne das normale Bild zu kennen. Deshalb sollte der Vorkliniker jede sich bietende Gelegenheit wahrnehmen, freiwillig diese Lücke in seiner Ausbildung auszufüllen.

Und schließlich ist das Verfahren zu nennen, das der Anatomie ihren Namen gegeben hat: das Anatomieren (griech. anatemnein — zerlegen, zerschneiden), Sezieren oder Präparieren. Dieses Verfahren kann natürlich nur am toten menschlichen Körper, an der Leiche ausgeübt werden. Es liefert uns die genaueste Kenntnis vom Bau des menschlichen Körpers und ist und bleibt deshalb die wichtigste Lehr- und Forschungsmethode des Anatomen. Und so sind denn auch die Präparierübungen an der menschlichen Leiche für den Studenten der wichtigste Teil des anatomischen Unterrichtes.

Was man an der Leiche sieht, kann man nicht immer ohne weiteres auf den Lebenden übertragen, sondern muß es durch die bereits erwähnten Untersuchungsverfahren, insbesondere die Röntgendurchleuchtung, überprüfen und unter Umständen berichtigen. Von jedem anatomischen Präpariersaal aber kann man sagen: Hic locus est ubi mors gaudet succurrere vitae.

Wenn wir den menschlichen Körper zergliedern, so stoßen wir auf eine große Anzahl von geformten Teilen, die man als Lebenswerkzeuge oder Organe bezeichnet. Mit ihrer Form, ihrem gröberen und feineren Bau, ihrer Größe und Lage beschäftigt sich die Morphologie-odei Anatomie, mit den Lebensvorgängen, die sich in ihnen abspielen und mit ihren Leistungen oder Funktionen die Physiologie.

Die Zahl der Organe, die einen so komplizierten Organismus wie den Menschen aufbauen, ist so groß, daß man sie, um sie besser übersehen zu können, nach Gruppen oder Systemen geordnet und zusammengefaßt hat. Lehrt oder studiert man die Anatomie nach diesen Organsystemen, so spricht man von Systematischer Anatomie oder Gruppenanatomie.

Die Zusammenfassung von Organen zu einer Organgruppe geschieht nach zwei Grundsätzen: entweder dem der gleichen h unktion oder dem der gleichen Abstammung.

Nach diesen beiden Grundsätzen lassen sich folgende Organsysteme aufstellen:
1.    Knochen- oder Skelettsystem,
2.    Muskelsystem,
3.    Gastropulmonal- oder Darmsystem,
4.    Urogenitalsystem,
5.    Gefäßsystem,
6.    Nervensystem,
7.    Hautsystem,
8.    Sinnessystem,
9.    Inkretsystem.

Das Knochen- oder Skelettsystem umfaßt alle Knochen, Gelenke und Bänder, Organe, die durch die gleiche Funktion ausgezeichnet sind, ein Stützgerüst zu bilden und Bewegungen zu ermöglichen.

Auch zum Muskelsystem gehören nur Organe gleicher Funktion, die Muskeln mit ihren Hilfseinrichtungen wie Sehnen, Muskelbinden (Fascien), Schleimbeuteln u. a. Der Muskel besitzt die Fähigkeit sich zu verkürzen und dadurch zwei gelenkig miteinander verbundene Knochen, an denen er mit je einer Sehne befestigt ist, gegeneinander zu bewegen. Die Muskeln sind also die Motoren unseres Körpers. Sie stellen den aktiven Bewegungsapparat dar, während das Knochensystem den passiven Bewegungsapparat bildet.

Diese beiden Organsysteme, die man zum Bewegungsapparat zusammenfassen kann, sind dadurch ausgezeichnet, daß sie mengenmäßig beim Aufbau unseres Körpers die Hauptrolle spielen. Sie machen zusammen 50 — 70 vom Hundert des gesamten Körpergewichtes aus. Im Gastropulmonalsystem (griech. gaster = Magen; lat. pulmo = Lunge) sind zwei Organgruppen, die Verdauungsorgane und die Atmungsorgane, zusammengefaßt, die funktionell ja gar nichts miteinander zu tun haben, aber ihrer Abstammung und Entwicklung nach eng zusammengehören.

Die Verdauungsorgane haben die Aufgabe, die Nahrung aufzunehmen, aufzulösen und aufzusaugen. Sie bestehen aus einem vom Mund zum After durchlaufenden Rohr, das gegliedert ist in Mundhöhle, Rachen, Speiseröhre, Magen und Darm, und ferner aus den großen Darmdrüsen: Leber und Bauchspeicheldrüse.    

Die Atmungsorgane haben die Aufgabe, dem Körper den lebenswichtigen Sauerstoff zu- und die lebensschädliche Kohlensäure abzuführen. Das eigentliche Atmungsorgan ist die Lunge. Das zuführende Luftrohr gliedert sich m Nasen-höhle, Rachen, Luftröhre und deren Verzweigungen (Bronchien). In den Luftweg ist noch ein stimmbildendes Organ eingeschaltet: der Kehlkopf.

Auch das Urogenitalsystem ist ein nach dem Grundsatz der gleichen Abstammung zusammengesetztes Organsystem. Es umfaßt die uropoetischen oder Harnorgane und die Genitaloder Geschlechtsorgane.

Die Harnorgane haben die Ausscheidung (Exkretion) schädlicher Stoffwechselendprodukte zu besorgen. Zu ihnen gehören die Nieren und die ableitenden Harnwege: Harnleiter, Harnblase und Harnröhre.

Die Genitalorgane dienen der Fortpflanzung. Die weiblichen Geschlechtsorgane bestehen aus den Eierstöcken, den Eileitern, der Gebärmutter, der Scheide und den äußeren Geschlechtsorganen. Die männlichen Geschlechtsorgane umfassen die Hoden und Nebenhoden, die Samenleiter, einige Drüsen, die bei der Bildung des Samens eine Rolle spielen, und die äußeren Geschlechtsorgane.

Das Gefäßsystem läßt sich nach dem Inhalt der Gefäße in ein Blut- und ein Lymphgefäßsystem unterteilen.

Das Blut bewegt sich in den Gefäßen in Form eines in sich geschlossenen Kreises, weswegen man diese Organe auch als Kreislauf- oder Zirkulationsorgane bezeichnet. Der Motor dieses Kreislaufes ist ein Hohlmuskel, das Herz. Das Blut hat die Aufgabe, den Organen Nahrungsstoffe und Sauerstoff zuzufuhren und Stoffwechselschlacken und Kohlensäure abzutransportieren.

Das Lymphgefäßsystem stellt einen Nebenschluß des Blut-kreislaufes dar. Die Lymphgefäße oder Saugadern saugen die aus dem Blut stammende überschüssige Gewebsflüssigkeit ab und führen sie als Lymphe wieder dem Blut zu. Dabei wird die Lymphe, bevor sie ins Blut gelangt, durch besondere Organe, die Lymphknoten, filtriert und gereinigt.

Das Nervensystem dient der Aufnahme, der Leitung, der Verarbeitung und Aussendung von Reizen. Es besteht aus den Zentralorganen Gehirn und Rückenmark und den peripheren Nerven. Das Nervensystem verbindet alle Organe unseres Körpers miteinander und faßt sie zu einer aufeinander die Existenz des ganzen Organismus fördernden lätigkeit zusammen.

Zum Hautsystem gehört die äußere Haut mit ihren Anhangsgebilden: Haaren, Nägeln und Drüsen. Die Haut ist nicht nur ein wichtiges Schutz- und Wärmeregulationsorgan, sondern auch ein reizaufnehmendes Sinnesorgan. Man kann sie deshalb auch dem folgenden Organsystem, dem Sinnes-system, das von der Gruppe der bekannten Sinnesorgane gebildet wird, zurechnen.

Das letzte und neueste Organsystem soll als Inkretsystem bezeichnet werden. Zu ihm gehören die innersekretorischen Drüsen, wie Schilddrüse, Nebennieren, Hirnanhang u. a. Diese Drüsen’ geben ihre Sekrete, die als Inkrete oder Hormone bezeichnet werden, nicht durch einen Ausführungsgang an eine bestimmte Stelle des Körpers ab (wie z.B. die Speicheldrüsen in die Mundhöhle, die Leber m den Darm usw.), sondern in die Blut- und Lymphbahn. Dadurch können die Hormone eine Wirkung auf weit von ihrer Bildungsstätte entfernt liegende Organe entfalten.

Beim Inkretsystem kann man zwei Untergruppen von Organen unterscheiden: die rein-innersekretorischen und die oemisc/iLinnersekretorischen.

Zur ersteren Gruppe muß man die Organe rechnen, die nur eine innersekretorische Funktion haben wie Schilddrüse, Nebennieren, Hirnanhang und Beischilddrüsen. Zur zweiten Gruppe muß man die Organe zählen, die neben ihrer innersekretorischen Funktion noch eine andere haben, wie z.B. die Bauchspeicheldrüse und die Keimdrüsen. Diese Organe gehören demnach zwei verschiedenen Systemen an. So kann man die Bauchspeicheldrüse einmal zu den Verdauungsorganen und zum anderen auch zum Inkretsystem rechnen.

Nach dieser Übersicht über die Organgruppen, die die systematische Anatomie aufgestellt hat, muß abschließend ganz besonders betont werden, daß diese Systematisierung etwas Willkürliches ist, eine gedankliche Operation vom Menschen vorgenommen, um aus der unübersichtlichen Mannigfaltigkeit der Organe zur Vereinfachung und damit zu einer klaren Übersicht zu kommen.

In Wirklichkeit gibt es diese Organgruppen etwa als selbständig existierende Gebilde gar nicht. Man denke nur an das Nerven- und Gefäßsystem. In allen Organen kommen Nerven und Gefäße vor. Auch in funktioneller Hinsicht bilden diese Organgruppen keine selbständigen Einheiten. Sie sind alle voneinander abhängig, stehen in Beziehung (Korrelation) zueinander, und keines von ihnen kann ohne die anderen bestehen.    

Legt man besonderes Gewicht auf die Lagebeziehung der Organe, so spricht man von lagebeschreibender oder topographi-scher Anatomie. Sie setzt die Kenntnis der systematischen Anatomie voraus und ist für den Arzt ganz besonders wichtig. 

Beschreibt man die Form, Größe und Lage der Organe nach dem, was man mit bloßem Auge an ihnen von diesen Dingen wahrnehmen kann, so spricht man von makroskopischer Anatomie. Studiert man den feineren Aufbau der Organe mit Hilfe eines Mikroskopes, so bezeichnet man das als mikroskopische Anatomie, wobei zu beachten ist, daß ein grundsätzlicher Unterschied zwischen makroskopischer und mikroskopischer Anatomie nicht vorhanden ist.

Bei der mikroskopischen Untersuchung der Organe findet man, daß sie aus verschiedenen Bestandteilen, den Geweben, aufgebaut sind. Mit diesen Geweben befaßt sich die Gewebelehre oder Histologie.

Die Gewebe bestehen wieder aus kleineren Elementen, den Zellen. Die Zelle ist das Grundformelement aller Organe und Organismen. Mit ihr beschäftigt sich ein besonderer Zweig aer Morphologie, die Cytologie oder Zellenlehre.

Wir sind bei dem bisher Ausgeführten den auflösenden oder analytischen Weg gegangen: vom Organismus über die Organsysteme und Organe zu den Geweben und der Zelle. Man kann auch den umgekehrten Weg gehen, von der Zelle zum Organismus. Diesen Weg müßte man als den aufbauenden oder synthetischen bezeichnen. Die erwähnten Begriffe: Organismus — Organsystem — Organ — Gewebe — Zelle bilden eine

Der Aufbau des Organismus

Reihe von Schachtelbegriffen, die man so bezeichnen kann,  da ein Begriff immer den in der Reihe folgenden mit umlaßt oder „einschachtelt“. Besser als Worte mag vielleicht em ganz einfaches Schema, wie es Abb. 1 zeigt, diese Dinge veranschaulichen.    

Diese Begriffsreihe kann man übrigens, wenn man will, m der einen Richtung bis zum Weltall, in der entgegengesetzten Richtung bis zum Elektron ausdehnen.

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